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  1. Kaufsucht Forum | Selbsthilfeforum - Leben mit Kaufsucht
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Die vergessenen Betroffenen: Angehörige von Menschen mit Kaufsucht

  • Smilla
  • 30. Mai 2026 um 00:40
  • 21 Mal gelesen
  • 0 Kommentare

Während Kaufsüchtige zumindest phasenweise im Rausch des Kaufens Erleichterung spüren, stehen ihre Angehörigen daneben – mit wachsender Hilflosigkeit, steigenden Schulden und dem Gefühl, unsichtbar zu sein. Dieser Artikel richtet sich an alle, die jemanden lieben, der kaufsüchtig ist, und sich fragen, was sie tun können – und was sie lassen sollten.

Wenn jemand in deiner Familie oder in deinem engsten Umfeld unter Kaufsucht leidet, bist du vielleicht nicht die Person, über die zuerst gesprochen wird – und genau das ist das Problem. Angehörige von kaufsüchtigen Menschen tragen eine Last, die oft unsichtbar bleibt, obwohl sie real, schwer und manchmal zermürbend ist.

📋 Auf einen Blick

  • Kaufsucht betrifft in Deutschland schätzungsweise 6–8 % der Bevölkerung.[1]
  • Angehörige entwickeln häufig eigene psychische Belastungen wie Angst, Scham und Erschöpfung.
  • Co-abhängige Verhaltensweisen (z. B. Schulden heimlich begleichen) verschlimmern die Sucht langfristig.
  • Hilfsangebote existieren – sowohl für Betroffene als auch ausdrücklich für Angehörige.
  • Grenzen setzen ist kein Verrat, sondern Selbstschutz und oft die wirksamste Hilfe.

Was Kaufsucht mit einem macht – aus der Perspektive der Familie

Es fängt meist schleichend an. Ein paar Pakete zu viel, ein Kontoauszug, den du zufällig siehst, eine Ausrede, die sich etwas zu glatt anfühlt. Kaufsucht ist keine Eigenschaft, die man sofort benennen kann – sie tarnt sich als Freude am Shopping, als Belohnungsverhalten, als Spontanität. Bis man merkt, dass dahinter ein Muster steckt, das sich längst verselbstständigt hat.[2]

Als Angehöriger erlebst du dann etwas Seltsames: Du verstehst das Verhalten nicht, aber du verstehst die Person. Du weißt, wie sehr sie unter Druck steht, wie groß die Scham ist, und gleichzeitig wie hilflos du dich fühlst. Das ist kein Widerspruch – das ist der Kern dessen, was Angehörige durchmachen.

Kaufsüchtige berichten, dass Kaufen kurzfristig Spannungszustände abbaut und Gefühle wie Leere, Einsamkeit oder Minderwertigkeit überlagert.[3] Das heißt für dich als Angehörigen: Das Kaufen hat eine Funktion. Es ist kein Trotz, kein Angriff auf euch als Familie – aber es verändert euer Leben trotzdem grundlegend.

"Ich habe jahrelang geglaubt, ich muss nur die richtigen Worte finden, dann hört meine Frau auf. Irgendwann habe ich verstanden: Es geht nicht um Worte. Es geht um ein Muster, das professionelle Unterstützung braucht – und ich auch."
– Erfahrungsbericht eines betroffenen Ehepartners

Die psychische Belastung der Angehörigen – was niemand dir erzählt

In der Suchtforschung gibt es inzwischen einen Begriff, der beschreibt, was du durchmachst: sekundäre Betroffenheit. Er meint, dass Menschen im direkten Umfeld einer suchtkranken Person selbst messbare psychische Belastungen entwickeln – auch ohne selbst die Sucht zu haben.[4] Das klingt klinisch, ist aber sehr real.

Konkret zeigt sich das oft in folgenden Mustern:

  • Dauernde Anspannung: Jedes Mal, wenn ein Paket klingelt oder der Kontostand sinkt, springt dein Nervensystem an.
  • Scham nach außen: Du erzählst niemandem, was wirklich los ist – weil du Angst hast, was andere denken.
  • Kontrollversuche: Du versteckst Kreditkarten, richtest Ausgabelimits ein, führst Kontrolllisten – und erschöpfst dich dabei.
  • Selbstzweifel: Du fragst dich, ob du zu wenig gibst, zu wenig verdienst, nicht gut genug bist – ob du irgendwie schuld bist.
  • Rückzug: Soziale Kontakte werden weniger, weil die Energie fehlt oder die Situation zu komplex erklärt werden müsste.

⚠ Achtung: Wenn du merkst, dass du selbst beginnt, Symptome von Angststörungen, depressiven Verstimmungen oder körperlicher Erschöpfung zu zeigen, ist das kein Zeichen von Schwäche – es ist ein klares Signal, dass du selbst Unterstützung brauchst. Warte nicht, bis du „zusammenbrichst".

Co-Abhängigkeit: Das Helfen, das nicht hilft

Co-Abhängigkeit ist ein Begriff, der im Suchtbereich gut bekannt ist, aber bei Kaufsucht oft nicht angewendet wird – dabei passt er perfekt. Co-abhängige Verhaltensweisen entstehen aus echtem Mitgefühl, aber sie halten die Sucht am Leben.[5]

Typische co-abhängige Muster bei Kaufsucht:

  • Schulden heimlich begleichen, damit es „diesmal" kein Drama gibt
  • Käufe vor dem Partner oder den Kindern verheimlichen
  • Waren zurückschicken, ohne dass der oder die Betroffene es weiß
  • Die Sucht gegenüber Dritten (Familie, Arbeitgeber) beschönigen oder leugnen
  • Immer wieder Ultimaten stellen, die nie konsequent durchgehalten werden

Das Problem: Jedes dieser Verhaltensweisen schützt den Betroffenen kurzfristig vor den Konsequenzen seiner Sucht – und nimmt ihm damit genau den Druck, der zur Veränderung motivieren könnte. Du meinst es gut. Aber du hilfst damit nicht.

Grenzen setzen ohne Gleichgültigkeit – wie das geht

Der Satz „Du musst Grenzen setzen" ist leicht gesagt. In der Praxis fühlt er sich an wie ein Vorwurf: Wenn du wirklich liebst, dann hältst du doch durch. Aber das stimmt nicht. Grenzen zu setzen bedeutet nicht, aufzugeben – es bedeutet, ehrlich zu sein, was du trägst und was nicht.[6]

Konkrete Schritte, die funktionieren:

  • Getrennte Konten: Ein gemeinsames Konto für Fixkosten, eigene Konten für den Rest. Das ist kein Misstrauen, sondern Schutz für beide.
  • Klare Kommunikation: Nicht anklagen, sondern benennen. „Wenn du Schulden machst, die ich ausgleiche, kann ich das nicht weiter tun" – und das dann auch halten.
  • Keine geheimen Aktionen: Pakete heimlich zurückschicken, Konten heimlich sperren – das erzeugt Misstrauen, keine Veränderung.
  • Eigene Hilfe suchen: Eine Beratung, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige, ein Gespräch mit einem Therapeuten. Du musst das nicht alleine durchdenken.

💡 Tipp: Die Caritas und die Diakonie bieten kostenfreie Suchtberatung an – ausdrücklich auch für Angehörige, nicht nur für die direkt Betroffenen. Du musst keinen „Grund" haben, um hingehen zu dürfen.

Das Gespräch suchen – aber richtig

Viele Angehörige warten auf „den richtigen Moment" für das entscheidende Gespräch. Der kommt nicht. Was es gibt: gute Bedingungen und schlechte. Gute Bedingungen sind: ruhige Atmosphäre, kein akuter Konflikt, keine Vorwürfe als Einstieg, klare Ich-Botschaften.[7]

Was du vermeiden solltest:

  • Das Gespräch direkt nach einem entdeckten Kauf führen – die Scham ist dann zu groß für Offenheit.
  • Ultimaten ohne Konsequenz: „Wenn das noch einmal passiert, dann…" und dann passiert es wieder, ohne Folgen.
  • Vergleiche mit anderen: „Die Müller kommen auch mit weniger aus" hilft niemandem.
  • Vorwürfe statt Beschreibungen: „Du zerstörst uns" statt „Ich habe Angst, dass wir unsere Miete nicht mehr zahlen können."

Hilfsangebote – was es gibt und wie du rankommst

Deutschland hat ein vergleichsweise gutes Netz an Suchtberatungsstellen, aber Kaufsucht fällt dabei oft durchs Raster. Viele Anlaufstellen sind auf Alkohol- oder Drogensucht ausgerichtet. Trotzdem: Es gibt Hilfe, wenn du weißt, wo du suchen musst.[8]

Für Angehörige direkt

  • Allgemeine Suchtberatung: Über die Caritas Online-Beratung oder örtliche Beratungsstellen. Auch ohne den Betroffenen.
  • Selbsthilfegruppen für Angehörige: Über die NAKOS-Datenbank (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen) findest du Gruppen in deiner Nähe.
  • Psychotherapie: Eine Einzeltherapie für dich ist keine Niederlage – sie ist Voraussetzung dafür, dass du langfristig da sein kannst.
  • Schuldnerberatung: Wenn finanzielle Schäden entstanden sind, bieten Caritas, Diakonie und AWO kostenlose Schuldnerberatung an – auch für Angehörige, die Schulden mitgetragen haben.

Für die betroffene Person

  • Ambulante Suchtberatung als erster Schritt
  • Verhaltenstherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, gilt als wirksamster Therapieansatz bei Kaufsucht[9]
  • Online-Selbsthilfeprogramme wie das der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE)
  • In schweren Fällen stationäre oder tagesklinische Behandlung in einer Suchtfachklinik

💡 Wichtig zu wissen: Du kannst niemanden zur Therapie zwingen. Was du tun kannst: Informationen bereitstellen, konkret anbieten (nicht: „Du solltest mal…", sondern: „Ich habe schon nachgeschaut, am Dienstag wäre ein Erstgespräch möglich – magst du, dass ich mitkomme?"), und selbst Hilfe annehmen.

Wenn Kinder im Haushalt leben

Ein Aspekt, der in fast allen Ratgebern zu Kaufsucht fehlt: Was ist mit den Kindern? Wenn ein Elternteil kaufsüchtig ist, wachsen Kinder in einem Umfeld auf, in dem Geld ein ständiges Konfliktthema ist, Versprechen häufig nicht gehalten werden und die emotionale Verfügbarkeit der Eltern durch Scham und Streit beeinträchtigt sein kann.[10]

Das bedeutet nicht automatisch Schaden. Aber es bedeutet: Kinder brauchen in diesem Umfeld klare Strukturen, offene (altersgerechte) Kommunikation und mindestens einen stabilen Erwachsenen als Bezugsperson. Das kannst du sein – aber nur, wenn du selbst stabilisiert bist.

Rede nicht schlecht über den kaufsüchtigen Elternteil. Kinder verstehen mehr als wir denken, aber sie brauchen keine Erwachsenenprobleme als Last. Was sie brauchen: die Botschaft, dass das alles nicht ihre Schuld ist.


Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich als Angehöriger Hilfe bekommen, obwohl ich nicht selbst kaufsüchtig bin?

Ja, ausdrücklich. Suchtberatungsstellen nehmen auch Angehörige ohne den Betroffenen an. Du musst nichts rechtfertigen. Die Belastung, die du trägst, reicht als Grund vollständig aus.

Was mache ich, wenn der oder die Betroffene jede Hilfe ablehnt?

Das ist eine der schmerzhaftesten Situationen. Du kannst niemanden zu Einsicht oder Veränderung zwingen. Was bleibt: eigene Grenzen klar definieren, konsequent handeln und selbst Unterstützung holen. Manchmal ist das Einzige, das wirklich hilft, dass die Konsequenzen der Sucht spürbar werden – und das ist nur möglich, wenn du aufhörst, sie abzufedern.

Ist Kaufsucht eine „echte" Sucht oder nur mangelnde Selbstdisziplin?

Kaufsucht ist eine anerkannte Verhaltenssucht mit nachweisbaren neurobiologischen Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns.[3] Willpower allein reicht nicht, um daraus auszusteigen – genauso wenig wie bei anderen Suchterkrankungen. Wer das versteht, kann aufhören, die Situation als Charakterfrage zu behandeln, und anfangen, sie als Erkrankung anzugehen.


Quellenangaben

  1. Maraz, A., Griffiths, M. D., & Demetrovics, Z. (2016). The prevalence of compulsive buying: a meta-analysis. Addiction, 111(3), 408–419. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/add.13223
  2. Müller, A., Mitchell, J. E., & de Zwaan, M. (2015). Compulsive buying. The American Journal on Addictions, 24(2), 132–137. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ajad.12111
  3. Raab, G., Elger, C. E., Neuner, M., & Weber, B. (2011). A neurological study of compulsive buying behaviour. Journal of Consumer Policy, 34(4), 401–413. https://link.springer.com/article/10.1007/s10603-011-9168-3
  4. Orford, J., Velleman, R., Natera, G., Templeton, L., & Copello, A. (2013). Addiction in the family is a major but neglected contributor to the global burden of adult ill-health. Social Science & Medicine, 78, 70–77. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0277953612007563
  5. Cermak, T. L. (1986). Diagnosing and Treating Co-Dependence. Johnson Institute Books. (Grundlagenwerk zu Co-Abhängigkeit in Suchtfamilien)
  6. Templeton, L., Velleman, R., & Russell, C. (2010). Psychological interventions with families of alcohol misusers: a systematic review. Addiction Research & Theory, 18(6), 616–648. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.3109/16066350903497161
  7. Miller, W. R., & Rollnick, S. (2013). Motivational Interviewing: Helping People Change (3rd ed.). Guilford Press. (Grundlage für motivierende Gesprächsführung im Suchtbereich)
  8. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). (2023). Jahrbuch Sucht 2023. Pabst Science Publishers. https://www.dhs.de/publikationen/jahrbuch-sucht
  9. Mitchell, J. E., Burgard, M., Faber, R., Crosby, R. D., & de Zwaan, M. (2006). Cognitive behavioral therapy for compulsive buying disorder. Behaviour Research and Therapy, 44(12), 1859–1865. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0005796705003797
  10. Velleman, R. D. B., Templeton, L. J., & Copello, A. G. (2005). The role of the family in preventing and intervening with substance use and misuse: a comprehensive review of family interventions. Drug and Alcohol Review, 24(2), 93–109. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/09595230500167478

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